Home Politik Der Kanzler hält seine Herrschaft für erfolgreich, praktisch niemand stimmt zu

Der Kanzler hält seine Herrschaft für erfolgreich, praktisch niemand stimmt zu

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Das erste Jahr der Ampel-Koalition unter Kanzler Olaf Scholz ist fast vorbei. „Ein Jahr, das vom brutalen Krieg Russlands gegen die Ukraine geprägt war“, blickt Scholz in seinem wöchentlichen Video-Update zurück. Der Kanzler zieht eine positive Bilanz für die Arbeit seiner Regierung. Die deutschen Bürger und die Industrie sehen das anders.

Nach 16 Jahren Angela Merkel (CDU) hat Deutschland im vergangenen Jahr am 8. Dezember einen neuen Bundeskanzler bekommen: Olaf Scholz (SPD). Mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine Ende Februar stand er sofort vor großen Dilemmata. In den Tagen nach dem russischen Einmarsch kündigte Scholz große Veränderungen an: Er stellte 100 Milliarden Euro für Investitionen in die Bundeswehr zur Verfügung. Deutschland stimmte auch Waffenlieferungen an die Ukraine zu und kündigte an, den NATO-Standard von 2 Prozent des BIP für Verteidigung einzuhalten. Eine beispiellose Wende – eine Zeitenwende, wie Scholz sie nannte – in der deutschen Außen- und Verteidigungspolitik.

In seinem Video vom vergangenen Wochenende unterstreicht Scholz noch einmal die Wichtigkeit dieser großen Schritte. „Jeden Tag sehen wir, wie viele Menschen den russischen Bomben zum Opfer fallen. Daher war es richtig, die Ukraine sowohl finanziell als auch humanitär und mit Waffen zu unterstützen.“Die erheblichen Investitionen in die Verteidigung sind laut Scholz notwendig, um die Bundeswehr richtig ausrüsten zu können.

Auch mit der anderen Regierungspolitik – bestehend aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der FDP – ist Scholz zufrieden. So wurde beispielsweise in die Entlastung der Bürger investiert, der Mindestlohn auf 12 Euro erhöht, erneuerbare Energien ausgebaut und die Gasreserven trotz Energiekrise vollständig aufgefüllt. Ende November stellte die Regierung weitere 200 Milliarden Euro zur Verfügung, um die hohen Energiepreise für die nächsten zwei Jahre zu senken. Die Kanzlerin verzichtet in ihrer fast dreiminütigen Retrospektive auf Selbstkritik, schloss auch der Tagesspiegel am vergangenen Wochenende.

Die Bürger in Deutschland bewerten Scholz und seine Regierung deutlich anders, wie eine Umfrage im Auftrag des Spiegel am vergangenen Wochenende ergab. 61 Prozent der Befragten stellen der Ampelkoalition (Ampelkoalition, benannt nach den Parteifarben Rot-Gelb-grün) ein schlechtes Zeugnis aus. Ein Großteil von ihnen (45 Prozent) sieht die Arbeit der Regierung sogar als ’sehr negativ‘ an. Nur 29 Prozent der Befragten stehen der Koalition positiv gegenüber.

Vor allem in Ostdeutschland sind die Menschen von der Regierung enttäuscht, zeigt die Umfrage. Am unzufriedensten sind die Einwohner Sachsens. Dort bewerten 80 Prozent der Einwohner die Regierungspolitik als „negativ.“

Es ist nicht so überraschend, dass Wähler von CDU / CDU, Die Linke oder AfD die Politik der Regierung Scholz nicht loben, aber die Umfrage zeigt auch, dass 73 Prozent der Wähler der Regierungspartei FDP unzufrieden sind.

Kritik kam auch aus der Industrie. Ende vergangenen Monats warf der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) der Regierung vor, das Land viel zu wenig und zu langsam zu modernisieren. Eine Umfrage des BDI ergab, dass rund jedes fünfte deutsche Unternehmen konkrete Pläne für eine Auslandsniederlassung hat. „Wenn die Ampel-Koalition eine echte progressive Koalition sein will, muss sie schnell Reformen umsetzen, wie in der Steuerpolitik“, sagte DBI-Vorsitzender Siegfried Russwurm. „Moderate Inlandsinvestitionen sind eines der größten Risiken für das Wirtschaftswachstum und eine Bedrohung für den Wohlstand.”

Der Co-Vorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, stimmt zu, dass die Modernisierung Deutschlands noch nicht gut genug läuft. In Niedersachsen sei ein Terminal für verflüssigtes Erdgas (LNG) innerhalb von 200 Tagen aus dem Boden geschlagen worden, aber der Bau von Windkraftanlagen dauere immer noch viel zu lange, nannte er als Beispiel laut Tagesspiegel vom 27.November.

Wenn jetzt Bundestagswahl wäre, würden 28 Prozent der Befragten CDU/CSU wählen, so die Spiegel-Umfrage. Auf dem zweiten Platz liegen die Grünen mit 21 Prozent (mehr als die 14,8 Prozent, die die Partei bei den Wahlen gewonnen hat). Die SPD käme der Umfrage zufolge auf 19 Prozent der Stimmen. Das ist deutlich weniger als die 25,7 Prozent, mit denen sie die Wahlen am 26.September 2021 gewonnen hat. Die FDP, die im vergangenen Jahr 11,5 Prozent der Stimmen erhielt, würde nun auf nur noch 7 Prozent fallen. Mit diesen Einschätzungen kann die Regierung nicht gerade einen glücklichen Geburtstag feiern, folgert Der Spiegel.


Der Autor: Elias Böhm

Er arbeitete mehr als 6 Jahre als Literaturredakteur und Journalist für die Dresdner Zeitung. Jetzt interessiert er sich für innenpolitische Themen und gesellschaftlich relevante Entwicklungen.

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